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Y-Momente

 

Es gibt diese Momente im Leben, in denen bestimmte Entscheidungen oder Ereignisse den Lebensweg eines Menschen entscheidend verändern oder bestimmen können. Manchmal kann man viele Tage darüber nachdenken bevor man diese Entscheidungen trifft. Manchmal ändert sich das Leben jedoch von einer Sekunde auf die andere. Ich gehe oft gedanklich meinen eigenen Lebensweg zurück, um mir über die entscheidenden Gabelungen bewusst zu werden. Letztlich habe ich keine meiner bewussten Entscheidungen bereut. Sie haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

 

Die einzige Frage, die ich mir wirklich oft stelle ist, welchen Lauf mein Leben ohne den Missbrauch und die Gewalt genommen hätte. Ich kam in der Therapie immer wieder an den Punkt, an dem ich merkte, dass ich aufgrund der so frühen Traumatisierungen gewisse Dinge im Leben gar nicht gelernt habe. Das fehlende Vertrauen in Menschen und die eigene Sicherheit soviel Lebensqualität geraubt. Es dauerte Jahre bis ich es geschafft hatte dieses Vertrauen nachträglich aufzubauen. Das war so eine harte Arbeit. 100 % werde ich es wahrscheinlich nie aufbauen. Das ist ähnlich zu sehen wie im fortgeschrittenen Alter eine fremde Sprache zu lernen. Man kann sich noch so viel Mühe geben, aber man wird immer hören, dass es nicht die Muttersprache ist. Genauso geht es mir mit dem Vertrauen. Die Angst ist viel gewohnter und daher ist die Tendenz in alte Muster zu verfallen immer wieder zu verlockend. Das Vertrauen in mich und andere hingegen ist neu und fragil. Werde ich verletzt und enttäuscht hat das fatale Folgen. Für andere ist es dann nur eine enttäuschende Erfahrung. Für mich würde „die Welt zusammenbrechen“. Das führte meiner Zeit aus Heranwachsende auch dazu, dass ich von mir aus meine Welt immer wieder zum Einsturz brachte, damit mich ja niemand enttäuschen konnte. Aber das soll heute nicht Thema sein.

 

Aktuell stehe ich auch wieder vor so einer Entscheidung, die meinen weiteren Weg entscheidend bestimmen kann. Ich habe zwei Optionen, die sehr unterschiedlich sind und mein Leben in ganz unterschiedliche Bahnen lenken würden. Der eine Weg bedeutet Sicherheit und gewohntes Terrain. Der andere Weg würde mir als Person mehr Freiheit und die Möglichkeit für neue Entwicklungen bieten. Tief in mir weiß ich glaube ich schon welcher Weg der richtige ist. Ich muss mich nur trauen die ersten Schritte zu machen.

 

Ich wollte eigentlich gerade schreiben, wie sehr ich die mutigen Menschen beneide, die einfach Entscheidungen treffen. Aber ich glaube der Unterschied liegt weniger im Mut sondern eher im Machen. Man kann viel Zeit damit verbringen alles immer wieder zu durchdenken oder man kann schlicht und einfach handeln. Noch gehöre ich zu den Zweiflern. Obwohl ich das wahrscheinlich gar nicht nötig habe….

 

So gesehen ist es heute eigentlich gar nicht schlimm einen Y-Moment zu erleben. Denn nur so hat man die Chance etwas Neues zu erleben.