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Grenzgängerin

Vor 15 Jahren war ich eine Grenzgängerin. Ich belog, ich betrog, ich verletzte mich und ich verletzte andere. Ich trank zuviel, ich aß zuviel und ich gab zuviel Geld aus. Ich lebte am Limit und zwischen den Welten. Für mich gab es wirklich nur schwarz oder weiß….Leben oder Tod. Zum Glück bewegte mich trotz allem immer am Rand des Legalen.

 

2001 öffnete mir dann jemand die Augen. In relativ kurzer Zeit lernte mich eine Person sehr gut kennen. Dank ihres medizinischen Hintergrundes konfrontierte sie mich schnell mit meinen Problemen und auch mit einem Begriff, den ich bis dato noch nie gehört hatte: „Du verhältst dich wie eine Borderlinerin“. Ich ließ das so stehen, denn ich hatte ja keine Ahnung was das ist. Dennoch fühlte ich mich plötzlich von ihr völlig durchschaut.

Es waren die Anfänge des Internets und so begab ich mich anschließend ins Netz und surfte tagelang nach dem Begriff „Borderline“. Alles was ich über das Thema Borderline las passte zu 100 % auf meinen damaligen Zustand. Von der reinen Fachbeschreibung dieser Art der Persönlichkeitsstörung bis hin zu den vielen Berichten von Betroffenen, die es schon damals gab. Nach dieser Nacht war ich völlig fertig. Und letztlich hebelte dies wohl mein Leben noch mehr aus den Angeln. Nun hatte mein Zustand vielleicht einen Namen...aber besser ging es mir dadurch nicht. Im Gegenteil….das Chaos ging erst richtig los und dauerte noch lange an.

 

Erst im Nachhinein gesehen...mit dem Abstand vieler Jahre...war die Konfrontation an diesem Abend wohl das Beste was mir je geschehen konnte. Denn neben dem wütenden Anteil gab es ab diesem Zeitpunkt auch den hoffnungsvollen Anteil. Ein Anteil, der wusste, dass es nicht normal ist wie es mir geht und der an eine „Heilung“ glaubte. Ein Anteil der LEBEN wollte.

Ich unternahm erste halbherzige Versuche mir professionelle Hilfe zu suchen. Es war ein schwerer Schritt. Und letztlich wendete sich das Blatt erst, als so weit unten war, dass ich unfreiwillig Hilfe annehmen „musste“. Und dann folgten ganz schön harte Jahre der Arbeit.

Ich hatte irgendwie das Glück immer zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Menschen zu geraten. Sie standen mir zur Seite und ließen mich nicht fallen wenn es schwierig wurde. Ich habe heute noch eine Art „schlechtes Gewissen“ weil sie mir so sehr geholfen haben und ich ihnen so wenig zurück gegeben habe. Es fühlt sich an, als stehe ich in ihrer Schuld. Vielleicht war es für sie aber auch ein Baustein ihres Lebens, aus dem sie lernen konnten und noch etwas „positives“ gezogen haben.

 

Ich will nun aber nochmal auf das Thema „Borderline“ zurück kommen. Rückblickend kann ich heute sagen, dass es sich dabei in meinen Augen gar nicht um eine Krankheit handelt, sondern um eine Bewältigungsstrategie der Seele. Ich wollte mich damals um keinen Preis der Welt mit mir selbst auseinandersetzen. Ich erzeugte das äußere Chaos um das innere Chaos zu übertrumpfen. Der ganze Schmerz, die ganze Wut, die ganze Einsamkeit sollte dadurch weniger spürbar sein. Und diese zerstörerische Strategie ging tatsächlich auf.

 

Sich mit all diesen Gefühlen irgendwann auseinanderzusetzen kostete viel körperliche und geistige Kraft und Stärke. Ich bin eigentlich kein Mensch, der gerne stolz auf sich ist, doch wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich durchaus sehr stolz auf mich sein. Indem ich die Vergangenheit so bewusst aufgearbeitet habe, sind heute keine vernichtenden Bewältigungsstrategien mehr notwendig. Ich lebe ein geordnetes ruhiges Leben mit viel Vertrauen, Liebe und Geborgenheit. 2001 war das undenkbar……...

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