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Anstrengender Monat

So...der Januar liegt inzwischen hinter mir. Dieser Monat war so anstrengend wie kaum ein anderer. Eigentlich sollte das neue Jahr mit neuem Job und ohne Therapie starten. Aber es kam anders. Meine Versetzung ist immer noch noch vollzogen worden und in der Therapie sind wir nochmal voll in das Trauma Thema eingestiegen. Das alles zusammen war eine ganz schön harte Zeit. Aber ich muss sagen, dass ich mich ganz ganz wacker gehalten habe. Kein Zusammenbruch, keine Somatisierung. Das kenne ich so gar nicht. Aber wahrscheinlich kam das Thema aufgrund dieser Stabilität jetzt nochmal auf den Tisch.

 

In den Therapiestunden ging es vor allem um die mit dem Trauma verbundenen Gefühle. Die Missbrauchssituation wurde immer deutlicher und vor allem immer wahrnehmbarer. Und selbst die Körpergefühle wie z.B. Schmerzen traten plötzlich einfach wieder auf. Es ist immer wieder hart zu realisieren was da passiert ist. Und oft genug hatte ich die Tendenz einfach nur weglaufen zu wollen. Aber ich bin da geblieben. Ich habe hingeschaut und ich habe vieles auf einer ganz anderen Art verarbeitet. Besser gesagt habe ich es ausgehalten. In der vergangenen Stunde ging mir während des EMDR plötzlich der Spruch „Was dich nicht umbringt macht dich hart“ durch den Kopf. Und so ähnlich ist es tatsächlich. Ich habe diese schlimmen Dinge überlebt. Und sie haben den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin. Und daran ist nichts auszusetzen. Ich fühle mich ja oft so „makelbehaftet“. Aber es ist kein Makel. Ich habe Dinge erlebt, die wünsche ich nicht mal meinen größten Feinden. Die mit dem Missbrauch verbundene Hilflosigkeit ist das schlimmste was einem Menschen passieren kann. Aber es ist vorbei. Es ist VERGANGENHEIT. Diese tiefe Erkenntnis ist nun wirklich erst eingetreten als ich die Gefühle nochmal total präsent hatte und wir diese bearbeitet haben. Es ist nun endlich möglich das ganze eher aus einer Art sicheren Distanz zu beobachten und nicht bei jeder Kleinigkeit wieder voll in der Situation drin zu stecken. Das tut sehr gut.

 

Aber der Weg dahin war ganz schön hart. In der letzten Stunde kam ein so heftiges Gefühl auf, dass ich gar nicht einordnen konnte. Es war keine Traurigkeit und auch keine Wut. Es war noch viel stärker. Ein Gefühl, dass ich allzuoft erlebt habe und und welches mir selbst oft Schaden zugefügt hat. Erst als ich nach der Sitzung im Auto saß versuchte ich noch mehr hinzuspüren. Dann bemerkte ich was es war. Es war Hass....ein Hass, den ich jahrelang immer an mir selbst rausgelassen habe. Ich wusste einfach nicht wohin dieses Gefühl konkret gehört. Nun schloss sich langsam der Kreis. Der Hass auf den Täter....auf das was er mir angetan hat. Da der Täter bei mir aus der Familie kam, und das ganze immer geheim blieb, wusste ich nie wohin mit dem Hass. Im Gegenteil...solange da noch Kontakt bestand, musste ich all die hervorgerufen Gefühle immer unterdrücken. Und das sorgte für die massiven Persönlichkeitsstörungen, die ich Anfang 20 hatte. Ich durfte den Hass nie bewusst fühlen...das hätte meine ganze Existenz bedroht. Nun ist er aber da...und nun weiß ich, dass er gerechtfertigt ist. Er muss ich nun nicht mehr so unkonstruktiv zeigen. Ich habe die Macht zu bestimmen was ich fühle. In dem Zusammenhang ist mir aber auch aufgefallen, dass wenn man keinen Hass spüren kann/darf...dann kann man auch keine Liebe spüren. Diese Tatsache schockierte mich zwar etwas, machte dann aber Sinn für mich. Ich hatte sehr lange das Problem Nähe anderer Menschen zu ertragen. Im Grunde ist das erst in den letzten Jahren besser geworden. Ich führe nun seit mehr als sieben Jahren eine sehr glückliche Beziehung. Doch der Weg dahin war steinig. Und manchmal fühle ich mich immer noch wie hinter einer Milchglasscheibe was Gefühle angeht. Aber es wird besser. Und irgendwie glaube ich, wenn ich es schaffe den Hass zu fühlen es auch möglich ist Liebe noch deutlicher zu spüren.