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Der Rucksack

Ich habe nun zwei Termine bei meinem EMDR Therapeuten hinter mir. Ich hätte nicht erwartet, dass es nochmal so heftig und intensiv wird. Klar bin ich stark wie nie, aber die Arbeit an den alten Gefühlen ist einfach sehr anstrengend. 

 

Es ging grundsätzlich ja erstmal um das Übergewicht und in welchem Zusammenhang es stehen könnte. Ich erinnerte mich zurück an meine Kindheit. Wann und warum das mit dem übermäßigen Essen eigentlich angefangen hat. Ich erinnerte mich an die Traurigkeit und die Verlassenheitsgefühle die mich immer wieder zum Essen griffen ließen. In der letzten Stunde kam mir eine sehr bildliche Vorstellung dessen was mich so belastet. Das Übergewicht fühlt sich bildlich gesehen wie ein sehr schwerer Rucksack an. In diesem Rucksack sind jede Menge Gefühle sehr wahllos verstaut. Da sind Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Schmerzen einfach reingestopft worden um einfach nicht länger mit ihnen in Kontakt zu kommen. 

 

Wir haben vorgestern einen Blick in den Rucksack geworfen. Er muss definitiv kleiner und leichter werden, um besser damit klar zu kommen. Den Missbrauch habe ich eigentlich ganz gut überwunden. Die damit verbundenen Gefühle fühlen sich nicht mehr so belastend an. Das ist immerhin etwas positives. Das was aber schlimmer wiegt und deutlich schwerer zu verkraften ist, ist die fehlende Basis positiver Gefühle seitens meiner Familie. In meiner Kindheit wurde statt Vertrauen Angst gesät. Statt Freude und Sorglosigkeit waren es bei mir Tauer und Hilflosigkeit. Ich konnte an den mich so belastenden Themen nichts verändern. Wie denn auch als Kind. Ich war meinen Eltern ausgeliefert. Und das dann noch alles unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit. Alle meine Hilfeschreie, ob nun die Kopfschmerzen oder das Übergewicht wurden nicht beachtet. 

 

Die schlimmste Erkenntnis in der letzten Therapiestunde war eigentlich, dass mir das grundlegende Fundament einer stabilen Persönlichkeit fehlt. Den Umgang mit Gefühle musste ich in den letzten 15 Jahren komplett neu lernen und irgendwie fühle ich mich manchmal immer noch nicht besonders gut darin. Immerhin nehme ich wieder Gefühle war. Aber sie aushalten in bestimmten Situationen fällt schwer oder ich vermeide dies gleich ganz.

 

Ich habe mir heute eine wundervolle neue Familie geschaffen und ganz ganz liebe Freunde. Dennoch fühlt es sich so an, als ob ich keine richtigen Wurzeln habe. Ich versuche die Vergangenheit immer wieder auszuradieren und verstecke sie tief in dem Rucksack. Der ist aber inzwischen zu schwer geworden um ihn zu tragen. Also muss ich an diesen Themen wirklich nochmal arbeiten. Auch wenn es schwer fällt.