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Touched

Ich habe es gestern doch gewagt und habe mir das Theaterstück "Touched" von Denise Stellmann angeschaut. Es waren fast zwei Wochen innerer Kampf ob ich hinein gehen soll oder nicht. Gleichzeitig waren es die zwei intensivsten Therapiewochen die ich hatte. Mit so vielen Auf- und Ab's. Leider hatte mein Lieblingsmensch nicht den Mut und die Kraft mit mir in das Stück zu gehen. Das habe ich akzeptiert. Und meine beste Freundin, die mich sicher begleitet hätte, hatte aber an beiden Vorstellungstagen schon wichtige Termine. Ich habe mich daher an meine alte Selbsthilfegruppe in Hamburg gewandt und sie zwei Frauen daraus sind mitgekommen. Das gab mir den Mut und den Halt hinzugehen. 

 

Ich habe mich ja vorher immer wieder gefragt, warum ich solch eine Angst habe mir das Stück anzusehen. Klar war die Angst da getriggert zu werden. Aber die größere Angst war eigentlich in "den Spiegel" zu schauen. Dennoch war ja ein innerer Antrieb da, das Stück unbedingt sehen zu wollen. Ich bin nun unendlich froh, dass der Mut gesiegt hat.

 

Das Stück war einfach grandios. Die schauspielerische Leistung war allein beeindruckend. Aber was dort auf der Bühne stattgefunden hat war tatsächlich der Spiegel meines Lebens. Das fällt mir selbst beim schreiben jetzt schwer in Worte zu fassen. 

 

Die Mischung aus totaler innerer Verzweifelung und die Macht der inneren Bilder...gepaart mit dem Wunsch einfach immer nur ein "normales" Leben führen zu wollen hätte nicht treffender dargestellt werden können!  Es ging stellenweise ganz schon an de Nieren. Die heilsame Reise in die Kindheit, die mit Filmanteilen untermalt wurde, war für mich ein Moment indem mein Atem stockte und ich wirklich zu kämpfen hatte. Genau diese Phase habe ich in den letzten Wochen erlebt. Aber es war im Stück auch der Schritt zur Heilung.

 

Der ganze Schmerz wurde von der Schauspielerin so perfekt dargestellt, das war schon unheimlich. Selbst das Thema mit den Selbstmordgedanken wurde nicht tabuisiert und der eigentliche Grund, warum diese einen die Dämonen verfolgen gut herausgearbeitet. Eigentlich will man ja Leben. Diese Phase hatte ich ja in den kompletten 20er Jahren. Wahnsinn wie ich das ausgehalten habe.

 

Am schönsten  finde ich aber, dass in dem Stück nicht allein die Sicht der Betroffenen dargestellt wird, sondern mit ebenso grandioser Leistung die Sichtweise der besten Freundin. Obwohl sie die Dämonen nur von außen betrachten kann, versucht sie es zu verstehen, sagt aber auch wo ihre Grenzen sind. Sie versucht Leichtigkeit in das Denken zu bringen, ist aber selbst oft einfach nur verzweifelt. Ich hatte zum Glück auch immer "Tonis" im Leben dir mir halfen. Aktuell eine, die der gespielten "Toni" zum verwechseln ähnlich ist...inkl. der Kinderriegel zur Heilung!!! Das ist schon unheimlich. 

 

Allerdings macht mich gerade traurig, dass ich die wichtigste Freundin, die mich 10 Jahre begleitet hat, heute nicht mehr an meiner Seite ist. Und das aufgrund einer "Nichtigkeit". Das gibt mir gerade sehr zu denken. Denn sie ist mit mir emotional durch dick und dünn gegangen und half mir in den schlimmsten Zeiten.

 

Das einzige was für mich in dem Stück etwas unglücklich dargestellt wird ist das Thema mit der professionellen Hilfe. Ich hätte diesen Weg ohne die Therapeuten die mich begleitet haben niemals geschafft. Ich war dreimal in Kliniken und sicher macht man dort nicht nur gute Erfahrungen...aber es waren immer wichtige Schritten um weiter zu kommen. Insgesamt habe ich seit 2002 mit sechs sehr unterschiedlichen Therapeuten gearbeitet und jeder hat genau den richtigen Abschnitt geprägt und begleitet. Im dem Stück kam dieser Part so gut wie gar nicht vor bzw. wurde es eher negativ dargestellt. Die richtige Hilfe zur richtigen Zeit kann aber Gold wert sein. Allerdings muss man sich wirklich immer wieder trauen sich darauf einzulassen. Das ist gerade bei der komplexen PTBS recht schwer. 

 

Am meisten schmunzeln musste ich ja darüber, dass die "Hauptdarstellerin" am Ende der Heilung das Schreiben begann. Ich habe ja auch vor einigen Tagen realisiert, dass ich nun schon seit zwei Jahren den Blog habe und das Schreiben ein so wichtiges Ventil geworden ist. 

 

Heute Nacht hatte ich direkt wieder einen sehr passenden Traum, in dem meine neu gewonnene Stärke direkt spürbar war. Ich konnte mich endlich wehren....das ist so ein gutes Gefühl.

 

Das nachfolgende Lied lief als die Schlüsselszene des Stücks abgespielt wurde.....es wird mich wohl noch ein paar Tage begleiten.....

 

Ich bin froh den Mut gehabt zu haben und mich meiner Angst wieder einmal gestellt habe!!!!!!!!!!!!!!