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Sehen und gesehen werden

Ich hatte gestern seit längerer Zeit mal wieder einen Termin bei der Osteopathin. Mir geht es ja nun schon seit Wochen sehr sehr gut. Von daher wusste ich zuerst auch gar nicht so recht woran wir dort arbeiten könnten. Allerdings hab ich seit einiger Zeit ein sehr lästiges Zucken im rechten Augenlid. Klar ist das ein Mini-Problem...aber es nervt irgendwie doch ziemlich.

 

Während der Stunde war ich dann doch zunächst einmal überrascht, wieviel „Energie“ da auf körperlicher Ebene noch gespeichert ist. Ich reagierte während der Behandlung noch ziemlich heftig. Ich spürte wieder die Probleme im Brustkorb beim Atmen und bekam Krämpfe in der Rückenmuskulatur. Wir versuchen dem Grund dafür auf die Spur zu kommen. Das Zucken im Augenlid trat das erste Mal vor unserer großen Party auf. Ich schon es auf den damit verbundenen organisatorischen Stress. Aber im Grunde war der psychische Stress viel größer. Ich hasse eigentlich Menschengruppen. Ich fühle mich in größeren Gruppen einfach extrem unwohl. Ich stelle mich diesen Situationen zwar immer wieder, aber wirklich besser wird es nicht. Und zu der Party waren immerhin 150 Leute eingeladen. Stück für Stück habe ich dann gestern versucht herauszufinden was nun das konkrete Problem damit ist. Es hat mit dem Aspekt „gesehen werden“ zu tun. Konkreter...gesehen und wahrgenommen werden. Zu letzterem gehört auch der Part sich zu äußern. Klar hatte ich eine Kindheit in der es nicht erwünscht und auch nicht förderliche war „gesehen“ zu werden. Ich habe früh gelernt mich zu verstecken. Bzw. eigentlich habe ich gelernt meine Gefühle zu verstecken. Die Angst wurde durch Stärke getarnt, Traurigkeit durch körperliche Probleme, Wut wurde an mir selbst ausgelassen….selbst Freude wurde für mich behalten…denn ich hatte Angst sie würde zunichte gemacht werden :(….

 

So richtig bin ich gestern in der Stunde noch nicht an den „passenden Schlüssel“ gelangt...dafür brauchte es noch die Nacht. Ich habe heute Nacht wieder einen sehr sehr bezeichnenden Traum gehabt. Es war ein sehr stark sexualisierter Traum. Näheres dazu kann ich an dieser Stelle dazu nicht schreiben. Nach dem Aufwachen war mir aber ziemlich schlagartig klar, dass das „nicht gesehen werden wollen“ ganz stark mit dem Missbrauch zusammenhängt. Früher dachte ich immer ich möchte aus Scham wegen der Tat nicht gesehen werden. Aber ich glaube es setzt noch früher an. Ich möchte nicht gesehen werden, um nicht nochmal Opfer zu werden. 

 

Ich war zum Tatzeitpunkt ja ca. 4/5 Jahre alt. Ich lebte in einem Umfeld, in dem ich mich sehr frei bewegen konnte. Es waren immer sehr sehr viele unterschiedliche Menschen meiner nächsten Nähe. Meine Mutter hat ein Wohnheim für Auszubildende geleitet. Wir hatten eine Wohnung, die direkt an das Wohnheim angrenzte. Beides war nur durch eine Tür getrennt. In  dem Wohnheim lebten min. 25 Lehrlinge schätze ich. Es können vielleicht sogar auch mehr gewesen sein. Jeden Sommer wechselten die Lehrlinge. Teilweise kamen in den Ferien auch Delegationen aus dem Ausland die dort Urlaub verbracht haben wenn die Lehrlinge Ferien hatte, Da ich ja so schön „nebenbei“ groß geworden bin, stromerte ich bereits als Kind immer recht allein in und um dieses Wohnheim herum. Hier kam es dann auch zum Täterkontakt. Die Tat an sich fand im Keller dieses Wohnheimes statt. Soviel „Erinnerung“ habe ich noch. 

 

Jetzt beim Schreiben des Beitrages fällt mir tatsächlich noch eine sehr bezeichnende Auswirkung des „nicht gesehen werden wollen“ ein. Bereits in ganz frühen Jahren wollte ich kein Mädchen mehr sein. Ich wollte immer wie ein Junge aussehen und auch das mich alle Menschen für einen Jungen halten. Dadurch bekam ich natürlich noch ganz andere Probleme wie z.B. Mobbing in der Schule...aber alles war besser als als Mädchen wahrgenommen zu werden. Das zog sich im Endeffekt mein ganzes Leben so durch. Mit 15 ließ ich mir mal die Haare wachsen und veränderte mich stark. Mit 21 wurden die Haare aber wieder abgeschnitten und im Grunde bin ich selbst heute keine „typische“ Frau. Ich bin einfach etwas anders. Und das wahrscheinlich zum Schutz davor gesehen zu werden……… Fortsetzung folgt. 

 

 

Mein heutiges Video zum Thema ist ein sehr eindrücklich Kurzfilm über die Auswirkungen von Kindesmisshandlung. Er ist auf Englisch aber die Story und die vermittelten Gefühle brauche eigentlich gar keine Sprache…. So schwer der Film phasenweise vielleicht zu ertragen ist, auf jeden Fall bis zum Ende ansehen….