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Brief an mein Teenager-Ich

Ich habe in den vergangenen Monaten ganz wichtige Gefühle aufgearbeitet. Die Trauer des vernachlässigten Kindes…die Angst die durch den Missbrauch entstanden ist. Doch irgendwas fehlte da innerlich noch. Ich kam jedoch nicht drauf. Jetzt wo ich mich mit dem Thema „Essen“ nochmal beschäftigt habe kommt es deutlicher zum Vorschein. Es ist das Gefühl der Scham. Dieses Gefühl ist Zeitlich eher in das Teenageralter einzuordnen. Die Phase zwischen 12 und 16 war einfach sehr sehr schlimm für mich. Was ich damals alles weggesteckt…oder vielleicht auch weggegessen habe, ist mir heute erst so richtig bewusst geworden.

 

Neben den Altlasten aus der Kindheit kamen viele neue Demütigungen und schmerzhafte Erfahrungen dazu. Ich war das perfekte Mobbing-Opfer. Zudem kam es noch zu einem Vorfall, der mich vor der ganzen Schule extrem blamierte und in dessen Zusammenhang mein Vertrauen in andere Menschen nochmals komplett zerstört wurde. Und ich hatte keinen Ort um diese ganzen Müll zu erzählen…! Ich schämte mich so für mich und mein Leben, dass damals die ersten schlimmen Selbstmordgedanken anfinden. Und das mit gerademal 13 Jahren….

 

Das Thema Scham versteckte sich lange lange Zeit sehr gut…wahrscheinlich hinter den ganzen Kilos. Es war mir so fremd, dass ich noch nicht mal auf das positive Gegenteil von Scham gekommen bin. Ich habe dazu tatsächlich Lars Amend fragen müssen. Ich stand zu sehr auf dem Schlauch. Für ihn ist das Gegenteil von Scham das Selbstbewusstsein. Hmm…davon habe ich irgendwann schon mal was gehört. Soll das nach Selbstwert und Selbstliebe etwa noch das fehlende Puzzelteil sein? Selbstbewusstsein…das kenne ich eigentlich nur früher vom Job…da habe ich mir ein perfektes Hilfsmittel gesucht um Selbstbewusstsein zu simulieren. Heute habe ich das nicht mehr. Dieser Lösungsweg war übrigens auch nicht sehr erfolgreich.

 

Was bedeutet Selbstbewusstsein denn für mich überhaupt? Ist das das „so sein können wie man ist“? Sagen können was man denkt? Nicht so abhängig sein von der Meinung anderer? Seinen eigenen Weg gehen? Umso mehr Fragen ich dazu stelle umso mehr stelle ich fest wie fremd mir dieses Thema ist. Und wie stark ich noch in dem alten Muster mich lieber zu verkriechen stecke. Heute kam mir deshalb die Idee des Briefes an mein Teenager-Ich. Vielleicht hilft mir das einen Weg zur Scham und damit zum Selbstbewusstsein zu finden. Denn eines habe ich gelernt…kannst du ein bestimmtes Gefühl nicht fühlen…kannst du auch das Gegengefühl nicht spüren. 

 

„Liebes Teenager-Ich,

 

du bist schon fast so unsichtbar geworden, dass es sehr schwer ist mit dir in Kontakt zu treten. Ich weiß, du wärst viel lieber gar nicht mehr auf dieser Welt. Wünscht dir so sehr nicht jeden Tag in diese höllische Schule gehen zu müssen. Diese ganzen ätzenden Mitschüler nicht mehr ertragen zu müssen. Du fühlst dich so allein unter Menschen. Alles erscheint nur anstrengend und nervig. Und zu Hause läuft es auch nicht besser. Du bist die ganze Zeit alleine. Bedacht darauf keinen Ärger zu machen. Allerdings hast du so auch jede Menge Zeit zu weinen. Doch was nützen die Tränen wenn am nächsten Tag alles wieder von vorn beginnt?

 

Ich kann nichts ungeschehen machen von dem was du ertragen musstest. Aber ich kann dir sagen, dass es sich gelohnt hat weiterzumachen. Auch wenn es schwer war und viele Narben hinterlassen hat. Dein Weg das zu ertragen war das Essen und das Träumen. Das Träumen hat mir später die nötige Kreativität gegeben meinen Weg zu finden. Es war ein guter Weg. Das mit dem Essen haben wir heute einfach nicht mehr nötig. Es sind Menschen da, die uns zuhören. Es gibt keine nervenden Mitschüler mehr, die einem das Leben zur Hölle machen. Wir haben ein gutes Umfeld. Und selbst wenn jemand negativ über uns denkt. Soll er doch…wer unseren Weg verurteilt oder sich darüber lustig macht hat ein sehr großes Problem mit sich selbst. 

 

Glaub mir….alles wird gut. Halt einfach nur durch. Ich bin da. Ich sehe dich…und ich fühle dich!!!!

 

Alles Liebe, dein Erwachsenes-Ich“ 

 

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