„Ärzte Odyssee“ oder „Der richtige Therapeut zum richtigen Zeitpunkt“

  

 

Immer wenn es mir sehr gut geht werde ich auch ein Stück weit sentimental und blicke auf das zurück was hinter mir liegt. Ich hätte den Weg der Heilung niemals ohne professionelle Hilfe geschafft. Und mein Weg zeigt, dass die Vorstellung „ich gehe mal zu einem Therapeuten und alles wird gut“ gerade bei der komplexen PTBS eine völlige Illusion ist. Es ist ein Weg der kleinen Schritte der meistens von ganz unterschiedlichen Menschen begleitet wird. Ich habe da immer auf meine Intuition gehört und manchmal gehörte auch ein wenig Glück dazu. Da ich gerade in der passenden Stimmung bin, möchte ich meine „Ärzte-Odyssee“ mal zusammenfassen.

 

 

 

Im Jahr 2001 ging es mir unheimlich schlecht. Ich ertrug mich selbst nicht mehr, trank viel zu viel Alkohol und litt ganz erheblich unter Suizidgedanken. Ich hatte förmlich Angst vor mir selbst. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich im praktischen Semester meines Studiums und nahm an einer Art Supervisionsgruppe teil. Diese Gruppe wurde von einer Psychologin einer Uni geleitet. Nach einer der Sitzungen nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach sie an und sagte ihr, dass es mir psychisch nicht gut geht. Wir kamen ins Gespräch. Sie kannte lediglich eine Kinder- und Jugendtherapeutin in meiner Wohnortnähe. Da ich ja erst 20 war  passte das noch und ich rief dort tatsächlich an. Ich war dann auch zu einer Sitzung bei ihr, aber irgendwie stimmte die Chemie gar nicht...soweit ich mich erinnere war sie auch etwas überfordert weil ich echt fertig war. Die nächsten Wochen liefen nicht gut und es kam dann zu einem „parasuizidalen Verhalten“ wie es später von den Ärzten genannt wurde. Ich habe an einem Abend eine ganze Flasche Diazepam ausgetrunken und hab abgewartet was passiert. Ich habe überlebt und wurde am nächsten Tag völlig high von meiner Freundin aufgefunden. Sie hat mich in die Uni-Klinik geschleppt und von dort aus bin ich freiwillig in die Psychiatrie gegangen. Ich brauchte fünf Tage um wieder klar zu kommen. Natürlich wollte ich dann da wieder raus. Da ich freiwillig da war und man mir keinen Ärger machen wollte mit einer richterlichen Anordnung ect. musste ich versprechen einen von ihnen empfohlen ambulanten Therapeuten aufzusuchen. So kam ich nach einer Woche wieder raus. Und ich holte mir wirklich den Termin bei dem Arzt.

 

 

 

Ich weiß noch recht gut wie ich das erste Mal bei ihm saß. Ich war mega aufgeregt und machte ziemlich dicht. Es ging erst mal viel um die Arbeit und so. Einmal schaute er mit mir in einer Art Phantasiereise in die Vergangenheit. Ich erschreckte mich, als ich da ein völlig einsames und fertiges Kind sah...ich machte sofort wieder dicht. Es folgten schreckliche Wochen und ich war näher am Tod als am Leben….

 

 

 

Der Arzt war aber ganz gut...er sah mich rebellieren, toben, wütend sein und traurig sein…..aber reagierte erst als ich ruhig wurde…Eine sehr beängstigende Ruhe überkam mich irgendwann. Eine Endzeit-Ruhe….  Genau in diesem Moment sagte mir der Arzt dass es nun reicht und er die Verantwortung nicht mehr tragen kann. Er überließ mir die Entscheidung ob ich freiwillig in eine von ihm empfohlene Klinik fahre und oder er mich mittels richterlichen Beschluss einweisen lässt. Letzteres kam wegen meinem Job nicht in Frage. Und so fuhr mich meine Freundin direkt aus der Arztpraxis heraus in eine etwas weiter weg gelegene Klinik. Trotz meiner freiwilligen Einweisung landete ich dort erst mal auf einer geschlossenen Station aufgrund der starken Suizidgedanken. Mir wurde in Aussicht gestellt zeitnah in einer anderen Station unterzukommen. Die Zeit in der geschlossenen Abteilung war ganz ganz schlimm für mich und ich wäre fast durchgedreht. Ich wollte sofort wieder raus, aber zum Glück hat mich niemand abgeholt. Da waren sich Ärzte und Freunde einig. Ich bekam Medikamente und wurde ruhiger. Ich riss mich irgendwie zusammen um schnell auf die Therapiestation zu kommen. Ich weiß heute gar nicht mehr genau wie lange ich auf der geschlossenen Station war….aber es war einfach nur gruselig.

 

 

 

Endlich auf der Therapiestation angekommen folgten ca. sechs anstrengende Wochen. Wir hatten ein Dreibettzimmer und meine Bettnachbarn waren ebenfalls junge Frauen mit ganz  unterschiedlichen Problemen. Das Zusammenleben war manchmal super schön...und manchmal echt ätzend. Eine der Mädels habe ich letztes Jahr tatsächlich wiedergetroffen und wir waren beide so froh darüber was wir aus unserem Leben gemacht haben.

 

 

 

Therapeutisch lief es eher nicht so besonders gut dort. Ich habe unheimlich dicht gemacht gegenüber den Ärzten. Spannender Weise war mein ambulanter Arzt der mich ja „eingewiesen“ hatte auch als Arzt in der Klinik tätig und wir sahen uns dort einige Male. Aber es war noch lange nicht daran zu denken das wir irgendwelche Themen bearbeiten konnten. Es ging rein um Stabilisierung würde ich rückblickend sagen. Aber dafür sorgte die Klinik in der Tat. Allerdings wurde ich auch auf Antidepressiva eingestellt. Rückblickend betrachtet halfen sie natürlich damals stabil zu werden...eine Lösung der ursächlichen Probleme stellt es aber niemals dar……! Das weiß man aber erst später.

 

 

 

Nach der Entlassung aus der Klinik fragte mein Arzt mich, ob ich die Therapie lieber bei seiner Frau fortsetzen möchte. Erst jetzt wo ich diese Zeilen schreibe fällt mir auf, dass mein Arzt vielleicht schon die Thematik erahnt hat, die in meiner Vergangenheit schlummerte. Wer weiß…

 

 

 

Ich entschied mich dafür die Therapie bei seiner Frau zu beginnen. Es waren teilweise sehr anstrengende Stunden, da ich noch immer sehr stark dicht gemacht habe und auch die Selbstmordgedanken noch immer stark ausgeprägt waren. Ich habe mehr als einen „Lebensvertrag“ mit ihr geschlossen.

 

 

 

Eine Stunde war sehr einprägsam. Es ging mir mal wieder sehr schlecht und alles war düster um mich herum. Sie stand dann auf und holte zwei A4 Blätter. Auf einem schrieb sie „LEBEN“ und auf das andere „TOD“. Sie legte beide Zettel in einem Abstand von ca. 2 m auf den Boden. Ich sollte dann aufstehen und mich auf der gedachten Linie zwischen Leben und Tod nach Wahl positionieren. Ich sollte symbolisch darstellen wo ich mich befinde. Natürlich stand ich ganz nah am „Todesschild“. Aber halt nur nah dran und nicht darauf. Die Therapeutin fragte dann, warum ich nicht auf dem Schild stehe und was mich davon abhält noch näher in die Richtung zu gehen. Ich ging in mich...ich wollte doch so gerne den Tod...was hielt mich denn noch auf der Welt….dies alles ging mir durch den Kopf. Irgendwann sagte ich ganz kleinlaut „Da ist eine Hoffnung“...sie fragte nach….ich erklärte ihr, dass mich letztlich ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich alles ändern könnte und besser wird, daran hinter auf bzw. in den Tod zu gehen. Wie ein klitze-kleines Licht, das da leuchtet und sagt „tue es nicht…es wird irgendwann besser werden“. Ich habe in der Zeit damals jede Therapiestunde zur Reflexion zusammenfassen und aufschreiben müssen. Ich glaube ich suche das Protokoll zu dieser Stunde mal raus. Ich sollte anschließend näher Richtung Leben gehen. Ich konnte den Abstand „zum Tod“ dadurch vergrößern und es begann endlich richtige Stabilisierungsarbeit. Ich wurde in die Lage versetzt endlich das Studium weiterzuführen und beendete es im April 2003. Allerdings zeigten sich dann erhebliche körperliche Probleme. Ich hatte zu der Zeit immer wieder starke Rückenschmerzen, obwohl ich soviel Sport wie nie in meinem Leben getrieben habe. Auf der Arbeit und Privat lief es nicht gut. Aber trotzdem ging ich weiter zu den Sitzungen. Das zog sich ein Jahr...und dann stand eine geplante Versetzung vor der Tür. Zum April 2004 wurde ich in einen ca. 250 km weit entfernten Ort versetzt. An Fortführung der Therapie war nicht zu denken. Ich fühlte mich aber auch nicht so stabil um mit der Therapie aufhören zu können. Meine Therapeutin kannte zufällig eine Ärztin in meiner neuen Stadt und organisierte die „Übernahme“.

 

 

 

Und so kam es, dass ich irgendwann im Laufe 2004 diese empfohlene Ärztin aufsuchte. Sie war eigentlich keine klassische Therapeutin sondern eine Hausärztin mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung. Neben der üblichen Sprechstunde hat sie Therapietermine vergeben. Ich war im ersten Moment gar nicht begeistert von ihr...sie war mir unheimlich….denn sie war sehr ruhig und emotional...das konnte ich gar nicht ab. Ich war richtig bockig in der ersten Zeit. Doch sie blieb ganz gelassen und spiegelte immer wieder was mein Verhalten bei ihr/bei anderen Menschen auslöst. Neben der Stabilisierung ging es also nun das erste Mal darum Gefühle wahrzunehmen und auszuhalten.  Sie trieb mich damit fast in den Wahnsinn...aber es holte mich Stück für Stück hinter meiner Mauer hervor. Es war eine spannende Zeit. Privat war ich damit beschäftigt Fuß im Job zu fassen und eine ziemlich schwierige Beziehung auf die Reihe zu bekommen. Ich nahm immer noch die Antidepressiva und hatte trotzdem immer noch Suizidgedanken. Irgendwann folgte die Trennung in der Beziehung und nicht viel später eine neue Partnerschaft. Und die Therapeutin stand in diesen schweren Phasen immer an meiner Seite. Es war so ein wenig wie „Leben lernen“. 2008 passierte dann allerdings etwas, das meine Welt etwas erschütterte. Ich erfuhr am Telefon, dass mein Vater in jungen Jahren versucht hat mit meiner Schwester zu schlafen. Meine Schwester hat dies im angetrunkenen Zustand meiner Mutter erzählt und die dann wiederum mir. Bereits während dieses Gespräches brach innerlich ein Damm in mir und eine Welle aus Erinnerungsfragmenten erschlug mich regelrecht. Es haute mich psychisch und körperlich voll um! Ich reagierte mit wochenlangen Kopfschmerzen und Übelkeit und Albträumen...ich war nicht mehr in der Lage zu arbeiten...nicht ging mehr!

 

 

 

Die Ärztin reagierte rückwirkend betrachtet nicht gerade professionell. Sie sagte etwas mit dem Tenor „dann wurden sie halt missbraucht...nun müssen sie damit leben...kann man eh nicht mehr ändern!“. Das fand ich selbst damals sehr befremdlich und ich machte mich eigenständig auf die Suche nach Hilfe. Ich fand eine Klinik in der Pfalz, die sich auf Entspannungs- und Hypnoseverfahren spezialisiert hatte. Ich überlegte hin und her...aber irgendwas sagte mir, dass dies der richtige Ort für mich sei. Ich folgte einfach meinem Unterbewusstsein und nahm Mitte 2008 Kontakt mit der Klinik auf. Es konnte ja so nicht weitergehen.

 

 

 

Im August 2008 konnte ich dort ein Vorgespräch absolvieren und lernte einen der Therapeuten kennen. Die Klinik hatte eine echt lange Warteliste aber man versprach mir mich schnell aufzunehmen. Und so kam es das ich im Oktober 2008 dort eine stationäre Therapie anfangen konnte. Die Klinik war super. Allerdings landete ich wieder bei einem Mann als Therapeuten. Zuerst war ich mega skeptisch. Aber er war ganz nett. Er war schon recht alt und irgendwie weise. In der ersten Stunde sagte er zu mir „Angst ist also ihr Problem“.  Und ich sagte nur „Angst...nein...eigentlich nicht“. Er lachte….und belehrte mich in den folgenden drei Monaten eines besseren. Ich habe dort wirklich harte Zeiten gehabt. Mein Körper rebellierte gegen die aufkommenden Gefühle. Eines Abends hatte ich vor lauter „Angst“ einen Blutdruck von 200/100...Man wollte mich schon in ein normales Krankenhaus bringen...versuchte es aber erst mal mit Blutdrucksenker. Ich hatte wirklich panische Angst...es ging soweit, dass ich Nachts statt in meinem Einzelzimmer bei einer Mitpatientin auf dem Boden schlief weil ich nicht allein sein wollte. Die Tragweite dessen fällt mir eigentlich auch erst jetzt beim Schreiben auf. Aber die Angst kam zum Vorschein weil wir gleichzeitig durch die Hypnose und die Trancen immer mehr innere Sicherheit erzeugt haben. Alles kam praktisch zu seiner Zeit.

 

 

 

Und im letzten Drittel der Zeit in der Klinik kamen dann die ersten wirklichen Bilder hoch. Ich weiß noch heute wie schlimm das war...ich bin förmlich aus einer Therapiestunde geflüchtet und wie wild einen Berg hoch gejoggt um diese Energien loszuwerden. Ich zog erneut Selbstmord in Betracht...besonn mich aber eines Besseren und sagte mir, dass ich nicht so weit gekommen bin um nun aufzugeben! Ich entschied mich erneut für das Leben. Von diesem Zeitpunkt an wurde auch alles besser. Ich fing mich wieder und wusste dass ich diesen Weg nun weitergehen werde. Die Zeit in der Klinik endete. Mein Therapeut sagte, ich soll erst mal alles sacken lassen und dann sehen ob ich nochmal komme oder ambulant weiter mache.  Zu einem der Therapeuten der Klinik hatte ich ein besonderes „Hass-Verhältnis“. Er war der beste seines Faches...aber extrem provozierend...und ich wusste er behandelt auch Privatpatienten in seiner Heimatpraxis. Ich schloss für mich in Erwägung ihn im Anschluss an die Klinikzeit noch aufzusuchen.

 

 

 

Nach dem Klinikaufenthalt ging es mir wirklich deutlich besser. Viel stabiler fing ich bald wieder an zu arbeiten und ich wurde immer kräftiger. Und ich fuhr/flog wirklich alle paar Wochen nach Wiesbaden um den Arzt aus der Klinik privat aufzusuchen. Völlig verrückt würde ich heute sagen...aber auch in der Sache lies mich mich vom „Unterbewusstsein“ leiten. Der Arzt war schonungslos ehrlich und wirklich fachlich sehr sehr gut. Er machte mir erstmals deutlich klar, dass ich in einer „missbräuchlichen“ Beziehung lebe. Und zack war ich dann endlich in der Lage mich von der Person zu trennen. Wir stiegen auch etwas in die Traumaarbeit ein. Aber schnell merkten wir beide, dass die Abstände zu groß waren um effektiv und sicher daran zu arbeiten. Und so empfahl er mir einen speziellen Traumatherapeuten in meiner Heimatstadt.

 

 

 

Ich muss an dieser Stelle mal sagen, dass ich unheimlich viel Glück hatte weil ich Privatpatientin war. Ich bekam immer schnell Termine und konnte solche Termine wie bei dem Arzt in Wiesbaden einfach wahrnehmen. Teilweise habe ich zwar einigen selbst dazu bezahlt wie z.B. die Flüge, aber das war es mir Wert.

 

 

 

Und so geschah es, dass ich nach kurzer Zeit nun einen speziellen Traumatherapeuten aufgesucht habe. Er machte erst mal eine eingehende Diagnose mit mir. Er arbeitete auch mit entspannenden und fokussierenden Techniken. Das tat mir ganz gut. Zudem kam er auf eine etwas verrückte Idee. Er fragte mich, ob ich Interesse an einer Gruppentherapie hätte. Eine reine Traumagruppe, die aber nicht nur aus Missbrauchsopfern besteht. Wir hätte wohl alle den gleichen „Bearbeitungsstand“ und würden uns gut ergänzen. Ich kannte die Gruppentherapie schon aus den Klinikaufenthalten und war nicht abgeneigt. So kam es, dass ich zu den Einzelstunden und auch alle zwei Wochen zu einer Gruppentherapie ging. Das war ziemlich anstrengend aber holte mich aus meiner Isolation raus. Die Gefühle kamen immer mehr und mehr zurück...und ich hielt sie Phasenweise kaum noch aus.  Das wirkte sich auch auf die Arbeitsfähigkeit aus.

 

 

 

Ende 2009 lernte ich dann einen ganz besonderen Menschen kennen...meinen heutigen Lieblingsmenschen. Es ging zum Glück alles ganz langsam los. Und das ganze Jahr 2010 war mit neuer Liebe und anstrengender Therapie schnell rum. Es brachte aber richtig viel. Ich erarbeitete mir Stück für Stück eine Beziehungsfähigkeit. Das was Babys normaler Weise in ihrer Familie lernen musste ich mir mit Ende 20 Stück für Stück erschließen. Manchmal war es holperig aber immerhin von Erfolg geprägt. Anfang 2011 heirateten wir dann schließlich sogar. Mir ging es eigentlich sehr gut. Allerdings hatte ich noch immer körperliche Probleme und ganz massive Albträume. Zudem kam ich mit der Arbeit immer weniger klar. Ich habe einen Job der unheimlich triggert...und das hielt ich kaum aus. Ich wandte mich daher an eine berufliche Beratungsstelle meiner Firma. Ich hatte dort einen ganz netten Kontakt zu einer Kollegin. Sie empfahl mit einen Arzt, der in Sachen PTBS-Behandlung führend in Deutschland ist. Zudem war er Chefarzt einer Klinik in der Nähe meines Wohnortes. Ich lies mich darauf ein und besorgte mir einen Termin bei ihm.

 

 

 

Im ersten Moment, als ich diesen Arzt sah, stutze ich etwas. In der Zeit in der Klinik in der Pfalz arbeiteten wir viel mit dem Thema „Sicherer Ort“. Und mein „Sicherer Ort“ war immer eine Art Tempel mit einem sehr weisen Mönch. Der Mönch war klein und hatte eine Glatze….

 

 

 

Und nun stand dieser Arzt vor mir….klein und mit Glatze… Er sah original aus wie der Mönch an meinem „Sicheren Ort“. Das war etwas unheimlich. Und noch unheimlicher war, dass er genauso ruhig und weise wie „der Mönch“ war. Ein unheimlich sympathischer Mensch. Ich schilderte ihm in Kurzfassung meinen Geschichte und meine Probleme und er schlug mir vor, dass ich erst mal einen ca. zweimonatigen stationären Aufenthalt machen soll und dann würde wir weitersehen. Ein begleiteter Start in die Traumatherapie schien sinnvoll für ihn. Ich war nicht gerade begeistert von dieser Idee. Allerdings ging es mir ja nach wie vor hauptsächlich körperlich nicht gut. Also willigte ich ein und lies mich auf die Warteliste für die Klinik setzen.

 

 

 

Die Wartezeit zeigte nochmal wie richtig dieser Schritt war. Ich ging noch zur Arbeit bzw. quälte mich hin...mein Körper rebellierte immer mehr. Ich bekam wieder eine Art Hexenschuss und nix ging mehr. Allerdings wurde der so schlimm, dass ich ins Krankenhaus musste, weil ich mich vor Schmerzen nicht mehr bewegen konnte. Ich bekam sogar Morphium um die Schmerzen auszuhalten. Weg waren sie selbst damit nicht…Vier Tage dauerte das an. Gedanklich fühlte ich mich wie gefesselt oder festgehalten...wie „real“ das noch werden würde war mir nicht klar…

 

Als der Schmerz nachließ und ich das erste Mal aufstehen wollte war mein rechtes Bein gelähmt. Die Nerven im Rücken waren so stark geschädigt, dass sie die Informationen nicht mehr an das Bein weitergeleitet haben. Die Ärzte waren ratlos...man konnte mir nicht sagen wie lange dieser Zustand anhalten würde.

 

 

 

Generell muss ich an dieser Stelle mal sagen, dass alle Ärzte, die mich wegen körperlichen Beschwerden, meistens Rückenschmerzen und Kopfschmerzen behandelt haben, nie nach meinem psychischen Befinden gefragt haben. Bei der Sache mit dem Rücken habe ich es irgendwann gewagt dem Chefarzt von dem bevorstehenden Klinikaufenthalt zu erzählen...aber irgendwie fühlte ich mich danach so behandelt als würde ich simulieren…echt mies. Da traut man sich davon zu erzählen und dann das...rückwirkend betrachtet echt krass….und ein Armutszeugnis für die Schulmedizin. Psychosomatische Störungen werden noch immer viel zu wenig beleuchtet. Körper und Seele sind nun mal eine Einheit...ist doch bescheuert das zu trennen. Wenn ein Auto kein Benzin mehr hat...dann kann es auch keine 120 km/h mehr fahren. Da hilft es dann auch nicht einen neuen Tank einzubauen! Grr...anderes Thema!

 

 

 

Nun denn...ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen und konnte halt nicht mehr richtig laufen. Und das alles 2 Wochen bevor ich in die Traumaklinik wollte. Zum Glück hat das dann aber zeitgerecht geklappt. Mein Bein erholte sich nur langsam.

 

 

 

Ich war acht Wochen in der Klinik und hatte einen ziemlichen Sonderstatus. Zum einen die Chefarztbehandlung mind. zweimal die Woche. Ich lernte den Arzt immer besser kennen und fasste Vertrauen. Andere Patienten sahen ihren Arzt nur alle zwei Wochen...da bekam ich schon ein schlechtes Gewissen. Zudem durfte ich direkt zu Beginn jedes Wochenende von Freitag Mittag bis Sonntag Abend nach Hause. Auch das durfte keiner der Mitpatienten wissen. Aber mein Arzt wusste wie viel Kraft ich zu Hause bei meinen Lieben und bei meinem Hund tanken kann. Und tat auch wirklich gut. In der Woche harte Therapie und am Wochenende Entspannung. Welch Luxus muss ich selbst rückblickend einräumen. Wir fingen nach ein paar Stunden dann ja auch mit dem EMDR an. Ich kannte diese Methode bisher nur theoretisch. Ich hatte einiges darüber gelesen, konnte mir aber nicht vorstellen wie es wirkt. Wir fingen zum Einstieg mit einer ganz anderen Angst an…. Ich bekam in der Klinik Zahnschmerzen und hatte aber wegen einem bösen Erlebnis beim Zahnarzt wahnsinnige Angst einen fremden Zahnarzt aufzusuchen. Und an der Angst arbeiteten wir mit dem EMDR. Wir lösten das traumatische Erlebnis aus der Vergangenheit auf und ich konnte relativ Angstfrei zum Zahnarzt gehen. Das war ein heftiges Erlebnis und ich war begeistert von der Methode. Wir fingen an viele kleine Themen meiner Vergangenheit so zu bearbeiten. Der Missbrauch und die Gewalt wurden da immer nur peripher tangiert. Richtig tief konnten wir noch nicht einsteigen.  Ich musste noch sicherer werden diese Gefühle überhaupt zu ertragen.

 

 

 

Die acht Wochen vergingen wie im Flug. Ziel war es ja erst mal mich wieder „arbeitsfähig“ zu bekommen. Daher war der Job oft Thema. Aber auch die Familie. In der Zeit in der Klinik nahm ich Kontakt zu meiner Schwester auf. Sie ist 15 Jahre älter als ich. Wir hatten sehr lange gar keinen Kontakt, da dies von meiner Mutter eher unterbunden wurde. Nun stellte sich heraus warum. Was meine Schwester mir so erzählte bestätigte die Bilderfetzen der gewalttätigen Mutter sehr. Es tat gut mit ihr zu reden. Gleichzeitig brach ich den Kontakt mit meinen Eltern ab. Ich wollte mich nicht länger manipulieren lassen. Eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen war einfach nicht möglich. Außerdem musste ich an dem Missbrauchsthema auch noch arbeiten.

 

 

 

Dieser Klinikaufenthalt veränderte wirklich viel in meinem Leben.  Nach der Entlassung sah ich zu, dass ich mich arbeitstechnisch verändern konnte. Vom Außendienst ging es eher in den Innendienst. Das  tat mir gut.

 

 

 

Ich suchte weiterhin ambulant den Therapeuten auf und Stück für Stück wurde das Puzzle meines Lebens zusammengesetzt.

 

 

 

Anfang 2013 kam ich endlich in einen ganz anderen Dienstzweig und es ging mir sofort deutlich besser. Ich konnte richtig Gas geben. Und das erste Mal begann eine längere Therapiepause.

 

 

 

Als zusätzliche Unterstützung besuchte ich allerdings von 2012 bis 2016 eine Selbsthilfegruppe für Opfer sexueller Gewalt. Es war eine therapeutisch begleitete Gruppe und sie war wirklich Gold wert. Ich habe dort angefangen mich nach außen zu öffnen. Es war super. Und vor allem waren es ganz liebe Menschen die ich dort kennengelernt habe. Sie haben mir sehr geholfen mich zu öffnen und die Seiten zu zeigen, die ich sonst immer nur verborgen habe. Ich fühlte mich so extrem angenommen und wohl in dieser Runde. Es war ein perfekter Anker im Alltag. 

 

 

 

Ende 2013 merkte ich aber, dass ich zu früh mit der Traumabearbeitung aufgehört hatte. Allerdings hatte ich da dann Probleme erneut Stunden für die Therapie zu bekommen. Mein Antrag wurde zweimal abgelehnt...das war echt scheiße. Klar ging es mir besser...aber am Ziel war ich einfach noch nicht angekommen. Mein Arzt brachte mich dann auf die Idee einen Antrag auf Therapiestunden beim Fond für Opfer sexueller Gewalt in der Kindheit zu stellen. Der war damals ganz neu. Gesagt getan….ich stellte den Antrag und nach nur einem Jahr (!!!!!) kam die Bewilligung von 50 Stunden bei meinem Arzt. Das Jahr 2014 überbrückte ich mit kurzen Terminen um mich Stabil zuhalten und den Treffen mit der Selbsthilfegruppe. Ich somatisierte halt noch immer stark.  Die 50 zugesagten Stunden waren natürlich der Hammer. Und ab Anfang 2015 fuhr ich so dann regelmäßig zum meinem Arzt. Die EMDR Sitzungen waren immer sehr anstrengend. Aber wir begaben uns zusammen in die Abgründe meiner Kindheit. Es ist ein Weg der kleinen Schritte gewesen. Immer wieder brauchte ich Pausen zum verarbeiten. Aber es wurde immer besser und besser. Ich bemerkte wie ich sicherer und stabiler wurde. Der Körper rebellierte zuerst immer weniger. Später wieder mehr...aber das lag an der Arbeit.

 

 

 

2017 konnte ich mich dann beruflich nochmal verändern und machte eine Therapiepause.  Allerdings verdrängte ich immer noch einige Dinge und es holte mich Nachts inform von Albträumen und morgendlicher Migräne wieder heim. Daher begann ich Ende 2017 wieder die Therapie bei meinem EMDR-Arzt.   

 

Nun fühle ich, dass das Ende der Therapie tatsächlich naht. In den letzten Wochen hat sich soviel gelöst bei mir...das ist unglaublich. Ich bin jetzt so stark und frei wie nie!!! Es war nochmal ein harter Weg zurück in die Vergangenheit aber ich glaube er hat sich richtig gelohnt.

          

Ich habe jetzt noch gut 10 Stunden offen und ein- bis zwei Baustellen. Aber das sind Peanuts zum Vergleich zum Rest. Wenn ich mich so im Bekanntenkreis umschaue denke ich eh, ich bin langsam übertherapiert!!! Es gibt so viele Menschen mit einem großen Sack voller Probleme, aber sind sind aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage hinzusehen. Klar es ist auch oft schmerzvoll sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen...aber es lohnt sich diesen Preis zu zahlen.

 

      

Tja und so sind die letzten 18 Jahre wie im Flug vergangen. Es brauchte also im Grunde die gleiche Zeit die Folgen des Missbrauches, der Vernachlässigung und der Gewalt zu heilen...wie sie entstanden sind. Bis ich 18 Jahre alt war war mein Leben ein reines Chaos. Dennoch war da immer dieses Licht der Hoffnung….es ging nie ganz aus!

 

 

 

Ich bin den Menschen, die diesen manchmal sehr steinigen Weg mit mir gegangen sind, unheimlich Dankbar. Sie haben mir jeder auf seine Art geholfen alles zu verarbeiten und zur mir und meinen Gefühlen zurück zu finden. DANKE